Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781)

Nathan der Weise

Während des 3. Kreuzzuges kommt es zu einem Konflikt unter den Vertretern der drei goßen Religionen, die in Jerusalem zusammentreffen. Jerusalem ist und war für die drei Offenbarungsreligionen - den Islam, das Judentum und das Christentum - ein heiliger Ort. Die christlichen Heere hatten im Jahr 1099 unter unglaublichen Verlusten Jerusalem erobert und einen guten Teil der jüdischen und mohammedanischen Bevölkerung abgeschlachtet. Im 12 Jahrhundert dehnte wiederum ein mohammedanischer Sultan seine Macht in Ägypten und im Vorderen Orient aus und eroberte 1187 Jerusalem. Dieser Sultan war Saladin. Die dramatische Handlung spielt etwas außerhalb der historischen Chronologie während eines Waffenstillstands zwischen dem Kreuzzügler Richard Löwenherz und Saladin im Jahre 1192.

 

Ringparabel

 

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NATHAN:

Vor grauen Jahren lebt' ein Mann in Osten,

Der einen Ring von unschätzbarem Wert

Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein

Opal, der hundert schöne Farben spielte,

Und hatte die geheime Kraft, vor Gott

Und Menschen angenehm zu machen, wer

In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,

Daß ihn der Mann in Osten darum nie

Vom Finger ließ; und die Verfügung traf,

Auf ewig ihn bei seinem Hause zu

Erhalten? Nämlich so. Er ließ den Ring

Von seinen Söhnen dem geliebtesten;

Und setzte fest, daß dieser wiederum

Den Ring von seinen Söhnen dem vermache,

Der ihm der liebste sei; und stets der liebste,

Ohn Ansehn der Geburt, in Kraft allein

Des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde. -

Versteh mich Sultan.

 

SALADIN:

Ich versteh' dich. Weiter!

 

NATHAN:

So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn,

Auf einen Vater endlich von drei Söhnen;

Die alle drei ihm gleich gehorsam waren,

Die alle drei er folglich gleich zu lieben

Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit

zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald

Der dritte, - sowie jeder sich mit ihm

Allein befand, und sein ergießend Herz

Die andern zwei nicht teilten, - würdiger

Des Ringes; den er denn auch einem jeden

Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen.

Das ging nun so, solang es ging. - Allein

Es kam zum Sterben, und der gute Vater

Kömmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei

Von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort

Verlassen, so zu kränken. - Was zu tun? -

Er sendet in geheim zu einem Künstler,

Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes,

Zwei andere bestellt, und weder Kosten

Noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich,

Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt

Dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt,

Kann selbst der Vater seinen Musterring

Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft

Er seine Söhne, jeden insbesondre;

Gibt jedem insbesondre seinen Segen, -

Und seinen Ring, - und stirbt. - Du hörst doch,

Sultan?

 

SALADIN:

(der sich betroffen von ihm gewandt).

Ich hör', ich höre! - Komm mit deinem Märchen

Nur bald zu Ende. - Wird's

 

NATHAN:

Ich bin zu Ende.

Denn was noch folgt, verstht sich ja von selbst. -

Kaum war der Vater tot, so kömmt ein jeder

Mit seinem Ring, und jeder will der Fürst

Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt,

Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht

Erweislich; - (nach einer Pause, in welcher er

des Sultans Antwort erwartet)

Fast so unerweislich, als

Uns itzt - der rechte Glaube.

 

SALADIN:

Wie? das soll

Die Antwort seine auf meine Frage? ...

 

NATHAN:

Soll

Mich bloß entschuldigen, wenn ich die Ringe

Mir nicht getrau' zu unterscheiden, die

Der Vater in der Absicht machen ließ,

Damit sie nicht zu unterscheiden wären.

 

SALADIN:

Die Ringe! - Spiele nicht mir mir! - Ich dächte,

Daß die Religionen, die ich dir

Genannt, doch wohl zu unterscheiden wären.

Bis auf die Kleidung, bis auf Speis' und Trank!

 

NATHAN:

Und nur von seiten ihrer Gründe nicht. -

Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte?

Geschrieben oder überliefert! - Und

Geschichte muß doch wohl allein auf Treu'

Und Glauben angenommen werden? - Nicht? -

Nun, wessen Treu' und Glauben zieht man denn

Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?

Doch deren Blut wir sind? doch deren, die

Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe

Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo

Getäuscht zu werden uns heilsamer war? -

Wie kann ich meinen Vätern weniger

Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt. -

Kann ich von dir verlangen, daß du deine

Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht

Zu widersprechen? Oder umgekehrt.

Das nämliche gilt von den Christen. Nicht? -

 

SALADIN:

(Bei dem Lebendigen! Der Mann hat recht.

Ich muß verstummen.)

 

NATHAN:

Laß auf unsre Ring'

Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Söhne

Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter,

Unmittelbar aus seines Vaters Hand

Den Ring zu haben. - Wie auch wahr! - Nachdem

Er von ihm lange das Versprechen schon

Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu

Genießen. - Wie nicht minder wahr! - Der Vater,

Beteu'rte jeder, könne gegen ihn

Nicht falsch gewesen sein: und eh' er dieses

Von ihm, von einem solchen lieben Vater,

Argwohnen lass': eh' müss' er seine Brüder,

So gern er sonst von ihnen nur das Beste

Bereit zu glauben sei, des falschen Spiels

Bezeihen; und er wolle die Verräter

Schon auszufinden wissen; sich schon rächen.

 

SALADIN:

Und nun der Richter? - Mich verlangt zu hören,

Was du den Richter sagen lässet. Sprich!

 

NATHAN:

Der Richter sprach: Wenn ihr mir nun den Vater

Nicht bald zur Stelle schafft, so weis' ich euch

Von meinem Stuhle. Denkt ihr, daß ich Rätsel

Zu lösen da bin? Oder harret ihr,

Bis daß der rechte Ring den Mund eröffne? -

Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring

Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;

Vor Gott und Menschen angenehm. Das muß

Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden

Doch das nicht können! - Nun: wen lieben zwei

Von Euch am meisten? - Macht, sagt an! Ihr schweigt?

Die Ringe wirken nur zurück? und nicht

Nach außen? Jeder liebt sich selber nur

Am meisten? - O, so seid ihr alle drei

Betrogene Betrüger! Eure Ringe

sind alle drei nicht echt. Der echte Ring

Vermutlich ging verloren. Den Verlust

zu bergen, zu ersetzen, ließ der Vater

Die drei für einen machen.

 

SALADIN:

Herrlich! herrlich!

 

NATHAN:

Und also, fuhr der Richter fort, wenn ihr

Nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt:

Geht nur! - Mein Rat ist aber der: ihr nehmt

Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von

Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:

So glaube jeder sicher seinen Ring

Den echten. - Möglich; daß der Vater nun

Die Tyrannei des einen Rings nicht länger

In seinem Hause dulden wollen! - Und gewiß;

Daß er euch alle drei geliebt, und gleich

Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen,

Um einen zu begünstigen. - Wohlan!

Es eifre jeder seiner unbestochnen

Von Vorurteilen freien Liebe nach!

Es strebe von euch um die Wette,

Die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag

Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut

Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,

Mit innigster Ergebenheit in Gott

Zu Hilf'! Und wenn sich dann der Steine Kräfte

Bei euern Kindes-Kindeskindern äußern:

So lad' ich über tausend tausend Jahre

Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird

Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen

Als ich; und sprechen. Geht! - So sagte der

Bescheidne Richter.

 

SALADIN:

Gott! Gott!

 

………………

 

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